
Von Prinzipien und ihrem Wirken im Ausnahmefall
Jedes Baby erlebt sich selbstverständlich am Beginn seines Lebens als Mittelpunkt der Welt. Für seine Eltern ist es das Zentrum ihres Universums, mit all ihren Gedanken und Liebe sind sie auf ihr Baby bezogen. Sie versuchen, seine Signale zu verstehen und seine Wünsche zu erfüllen. Um aber zuerst in die Familie und später in die Gesellschaft hineinzuwachsen, ist es notwendig, das Gefühl, Mittelpunkt zu sein, langsam zu verändern. Es ist für jedes Kleinkind schmerzvoll zu merken, dass es nicht das einzige Familienmitglied ist, das Bedürfnisse hat. Da gibt es seine Eltern und vielleicht auch Geschwister. Und je jünger diese sind, um so mehr sind sie ebenfalls damit beschäftigt, das egozentrische Welterleben aufzugeben.
Regeln ermöglichen das Zusammenleben im kleinen Kreis der Familie und im "großen", erweiterten gesellschaftlichen Bezug. Ihre Palette reicht von unbewussten oder unausgesprochenen Regeln bis hin zu ausgesprochenen, sogar festgeschriebenen, wie sie auch das Erwachsenenleben bestimmen. Bereits das Baby erlebt bestimmte Regelmäßigkeiten in seinem Alltag durch unzählige Wiederholungen allmählich immer bewusster mit. Durch den täglichen Rhythmus von Wach- und Schlafzeiten erfährt es z. B., dass es Zeiten der Ruhe gibt. Diese werden jedoch meist erst dann zum Thema, wenn es sich weigert sich abends ins Bett bringen zu lassen.
Spätestens ab dem Ende des ersten Lebensjahres oder kurz danach beginnen alle Eltern Regeln aufzustellen, meist, sobald ihr Kind erste Schritte in die Welt setzt. Diese Regeln sind wichtig, weil sie dem Kleinkind in seinem grenzenlosen Bestreben die Welt zu erobern, Orientierung und Schutz bieten. Kleinkinder sind in der Zeit des Erwerbs des freien Gehens wegen ihrer Unabhängigkeit in einem solchen Gefühlsüberschwang, dass sie Gefahren nicht abschätzen können. Regeln geben ihnen dabei Struktur und Sicherheit. Sie vermitteln aber auch die langsam wachsende Einsicht, dass seine Eltern, Geschwister und alle anderen selber Bedürfnisse haben. Regeln betreffen alle Bereiche des Alltags. Für kleine Kinder ist es aber schwer, sie zu akzeptieren, denn sie streben ab Beginn des 2. Lebensjahres nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. So haben sie wenig Lust, sich Vorschriften zu fügen und reagieren leicht mit Trotz, wenn sie ihren eigenen Willen nicht durchsetzen können. Für Eltern ist es dann besonders wichtig zu wissen, dass es ihrem Kind in der Trotzphase äußerst schwer fällt, sich an Regeln zu halten.
Sobald das Kleinkind gegen Ende des 3. Lebensjahres zunehmend sicherer wird, abgelöst und selbstbestimmt zu sein, fällt es ihm auch leichter, Regeln zu akzeptieren. Es muss sich nicht mehr prinzipiell gegen Anweisungen stellen, um sich zu behaupten. Es gelingt ihm gut, die Regeln (z. B. im Kindergarten) zu akzeptieren. Jetzt beginnt es auch immer stärker, die elterlichen Regeln zu verinnerlichen. Das Spielen mit Puppen, bei dem es die Regeln, die es von seinen Eltern kennt, weitergibt, ist ebenso eine Möglichkeit, seine eigenen Schwierigkeiten, sich an Regeln zu halten und die ärgerlichen Gefühle, die damit verbunden sind, spielerisch zu verarbeiten, wie Regelspiele. Je nach Alter sind diese Spiele anfangs ganz einfach und werden mit zunehmenden Alter komplexer. Viele Kinder beschäftigen sich gerne damit, denn sie bereiten sie auf das Hineinwachsen in die Gesellschaft vor. Was anfangs noch schwer fällt, wird bald zur Selbstverständlichkeit.
Damit ein Kind Regeln akzeptieren lernt, ist es wichtig, sie im Alltag zu leben. Zu große Starrheit bedeutet aber eine Einengung für die ganze Familie. Die Regeln müssen zur Persönlichkeit der Eltern passen. Es ist schwierig, Regeln unhinterfragt zu übernehmen, weil sie dann nicht überzeugend gelebt werden können. Auch sollte sich die Eltern aufeinander abstimmen, denn nur so kann sich ihr Kind orientieren, ohne verwirrt zu sein. Außerdem wird dadurch die Möglichkeit, die Eltern gegeneinander auszuspielen, nicht gegeben.
Kinder identifizieren sich stets mit den Regeln ihrer Herkunftsfamilie. Herrschen im Kindergarten oder später in der Schule andere Regeln, kann dies das Kind verunsichern. Bei solchen Unterschieden ist es wichtig, darüber zu sprechen.
Und auch wenn Eltern Ausnahmen machen, ist es wichtig, das Kind darauf hinzuweisen. So lernt es, dass es zwar wichtig ist, sich an Vorgaben zu halten, dass es aber auch Situationen gibt, wo diese aufgehoben werden. Regeln sollten niemals so starr sein, dass sie nicht modifiziert werden könnten. So können sich Eltern zusammen mit ihren Kindern in der Auseinandersetzung mit der Welt, die sie umgibt, weiterentwickeln.